Tradition und Kultur
Stierkampf
Der Stier ist auf der iberischen Halbinsel ein Symbol der Fruchtbarkeit. Uralte Hochzeitsriten mögen die späteren Formen des Stierkampfes inspiriert haben. So mussten sich die Männer dem Stier vor der Hochzeit bis auf Tuchfühlung nähern, um durch mutige Berührung Zeugungskraft übertragen zu bekommen und Mannbarkeit zu beweisen. Die Bräute warfen aus dem Fenster kleine Speere auf den Stier, so dass er zu bluten begann. Stierkämpfe gab es schon in der Antike, allerdings nicht in dieser Form. Francisco Romero aus Ronda initiierte den Stierkampf zu Fuss, mit dem roten Tuch bewaffnet. Die Stadt Ronda erhebt seitdem den Anspruch auf Ruhm. Francisco Romero war der Begründer der berühmtesten Stierkämpferdynastie Spaniens. Sohn und Enkel setzten im 18. Jahrhundert sein Reformwerk fort. Sie schufen den Stierkampf wie er bis heute in Spanien ausgeübt wird. Seit dem legendären Enkel Pedro Romero, der über 5000 Stiere tötete und zuletzt als Achtzigjähriger in der Arena stand, ist der nüchtern - klassische Stiel der Schule von Ronda berühmt. Sie steht in Konkurrenz zur zweiten großen andalusischen Schule in Sevilla, die spielerischere und farbige Varianten bevorzugt. Die Romeros aus Ronda hatten dem Adel den Stierkampf aus der Hand genommen. Fortan war er Sache des Fussvolks. Ein erfolgreicher Torero zu werden ist bis heute der Traum der Armen geblieben, während die Großgrundbesitzer darum wetteifern, die besten Stiere zu züchten. Die Hochachtung für den Züchter ist um so grösser, je kämpferischer der Stier. Mit ihm kann der Torero seine Fähigkeiten beweisen, aber auch , ehe er den Tod geben kann, selbst den Tod finden. In diesem Risiko liegt sein Stolz begründet. Der Tod des Matadors ist nicht beabsichtigt, doch die Anzahl derer, die ihn in der Arena gefunden haben, ist gross. In die Geheimnisse des Stierkampfs vermag nur ein aficionado (Liebhaber des Stierkampf) einzudringen, denn um die Besonderheiten und Schwierigkeiten zu durchschauen, bedarf es intimer Kenntnis der Tradition. Kleidung, zeremonielle Abfolge der Kampfabschnitte und die Stellungen des Toreros, während er dem Stier mit dem Tuch begegnet, ihn passieren lässt und dabei würdig, ruhig und fest stehen bleibt, sind die Charakteristika des Stierkampfes. Der Stier rennt gegen die Tuchschwenker an, die noch jungen namenlosen Toreros beweisen ihren Mut und ihre Geschicklichkeit. Der bebende Stier wirkt stark und überlegen. Alles, was folgt, das Reizen und Rennen, dient seiner Erschöpfung. Das farbenblinde Tier reagiert auf jede Bewegung. Es ist in seinem Leben noch nie einem tuchschwenkenden Torero begegnet. Sonst wäre es für den Kampf verdorben und wüsste zuviel. Zwanzig Minuten hingegen sind zu kurz, um diese Lektion zu lernen. Die Zeremonie beginnt pünktlich und festlich mit dem Einmarsch der Toreros und ihrer Gefolge. Toreros heissen alle, die am Kampf gegen den Stier in der Arena beteiligt sind. Für den Stier , der aus dem beengten Dunkel in die lichtvolle und lautstarke Arena stürmt, beginnen die grausamen letzten zwanzig Minuten seines Lebens, für die er fünf Jahre lang in Freiheit leben durfte. Ohne diese Freiheit wäre er kein Kämpfer geworden. Ein Stier, der dennoch nicht kampflustig ist, wird vom Publikum ausgepfiffen, bis der Präsident entscheidet, dass er die Arena zu verlassen habe. Zu diesem Zweck treibt man Kühe herein und wieder heraus. Dem Ewigweiblichen hinterdrein folgt der Stier willig. Aber noch im Verschlag trifft ihn der Tod wie ein normales Schlachtvieh. Nur äusserst selten werden Stiere verschont, und dies nur dann, wenn sie ungewöhnlich gut und ausdauernd gekämpft und das Publikum begeistert haben. Es ist kein Spiel. Es gibt keine Fairness. Es ist ein Tötungsritual. Die ZEREMONIE, für alle, die nicht mit dem Stierkampf vertraut sind, möchte ich nun chronologisch den Ablauf einer Corrida beschreiben. Danach möge jeder selbst entscheiden, ob er einen Stierkampf in sein Programm eines Spanien-Besuchs aufnimmt. Am Beginn steht der Paseillo. Alle Mitwirkenden ziehen in die Arena ein und stellen sich dem Publikum vor. Zwei berittene Alguacilillos erbitten dann symbolisch vom Komitee den Schlüssel zur «Puerta de los Toriles», dem Tor, hinter dem sich die Kampfstiere befinden. Der eigentliche Stierkampf besteht nun aus drei durch Horn-Signale getrennten Teilen, die Tercios genannt werden. Normalerweise nehmen drei Toreros an einer Corrida teil, und auf jeden davon entfallen zwei Stiere. Im ersten Drittel, dem sogenannten Tercio verwendet der Torero die Capote, ein relativ großes Tuch von purpurroter und gelber Farbe. Zwei berittene Picadores, die den Stier mit einer Lanze abwehren, kommen dann in der Arena. Im zweiten Teil stehen nun die Banderilleros im Mittelpunkt. Sie müssen zwei Banderillas, mit bunten Bändern geschmückte Spieße, in den Rücken des angreifenden Stieres stoßen. Eine andere Art des Stierkampfs ist der Rejoneo. Der Rejoneador pickt und tötet den Stier zu Pferd. In der abschließenden «Suerte suprema» verwendet der Torero die Muleta, ein kleines rotes Tuch. Nun muss er seine faena, seine Meisterschaft im Umgang mit dem Stier beweisen und ein künstlerisches Gleichgewicht zwischen menschlicher Geschicklichkeit und animalischer Kraft herstellen. Am Ende der Corrida tötet der Torero den Stier, indem er ihm sein Schwert in den Nacken stößt.
Flamenco
Der cante flamenco, auch cante grande oder cante jondo genannt, ist ureigener Schatz der andalusischen Folklore und als solcher aus keiner Fiesta wegzudenken. Seit dem 15. Jahrhundert liessen sich die Zigeuner, sogenannte gitanos in Cádiz, Sevilla, Jerez de la Frontera und Granada nieder. Sie wurden diskriminiert und von der Inquisition verfolgt. Erst ein Erlass des Königs Karls III. aus dem Jahre 1782 erlaubte ihnen schliesslich offiziell ein menschenwürdiges Sesshaftsein. Seit jener Zeit konnten es die gitanos wagen, ihre tradierten Ausdrucksformen öffentlich vorzustellen. Flamenco hiess ihre Kunst. Der älteste Teil des Flamenco ist der Gesang cante, danach erst traten Tanz baile und Gitarrenmusik toque hinzu. Themen des Gesangs sind zumeist Klagen über die Qualen des Lebens, Einsamkeit, Liebesleid und Unterdrückung. Die musikalischen Wurzeln des Flamenco sind vielfältig. Grossen Einfluss auf die musikalische Entwicklung übte am Hof von Córdoba im 9. Jahrhundert ein Sänger namens Ziryab aus Bagdad aus. Er richtete dort als hochgeachteter Mann eine Schule für Musik und Gesang ein, die persische Traditionen nach Europa brachte. Der Gebrauch der Laute arab: al-'ud, der Gitarre arab: qitara und anderer Instrumente, wie etwa die Kastagnetten wurde erlernt, und man entwickelte eine Musik, die ausgeprägte Rhythmen sowie arabeskenhafte Verzierungen der Melodie kannte. Einen starken musikalischen Einfluss übten neben maurischen und mozarabischen, also christlichen Volksliedern die jüdischen Synagogenlieder aus, vor allem die Trauergesänge. Die gitanos selbst brachten möglicherweise aus ihrer indischen Heimat manch Elemente des Flamenco-Tanzes mit. Zumindest die Bewegungen von Armen und Händen erinnern an indische Tempeltänze. EIN RITUAL? Der Flamenco besitzt unübersehbar die Formen eines Rituals. Der Gesang beginnt häufig wie eine Anrede. Der Sänger legt die Hand auf die Schulter eines Freundes, und während er sein Leid mit kehligen, rauen Tönen besingt, scheint er dämonisch Kräfte zu beschwören, die von ihm Besitz ergreifen. Schreie und schmerzverzerrte Gesichter zeugen davon. Der Sänger ist besessen, inspiriert. Er ist das Medium, das den Geist in den Kreis holt. Und die auf der Schulter des Freundes erweist sich als notwendige Stütze. Das Ritual bezieht auch alle Anwesenden ein. Die Zuhörer rufen, feuern an, unterstützen, klatschen, sie feiern den, der sein Inneres herauskehrt, bis zum duende dem dämon, dem Moment der Ekstase, dem Augenblick der Wahrheit, einer mystischen Vereinigung. ENTWICKLUNG DES FLAMENCOS Welche musikalischen Traditionen und Formen der Geisterbeschwörung hier auch Eingang gefunden haben mögen - die gitanos in Andalusien schufen etwas unverwechselbar Eigenes. Sie entwickelten im Verlauf der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts den klassischen Flamenco, der zwischen 1860 und 1910 seine Blütezeit erlebte. In den Cafés de cante gab es nun fest angestellte Künstler. Nicht alles wurde der Improvisation und der Eingebung des Augenblickes überlassen. Zum Gesang kamen Tanz und Musikbegleitung hinzu. Eine Vielzahl von Stilformen wurden entwickelt, wobei wie beim Stierkampf der ruhigen und richtigen Haltung des Tänzers und der Tänzerin grösste Bedeutung zukam. Dies gilt bis heute. Die aufrechte Haltung, die rhythmisch stampfenden Füsse, die gespreizten Arme und die Arabesken malenden Hände und Finger. So vielfältig die Formensprache des Körpers und seiner Glieder auch ist, sparsame Gesten sind das Zeichen der Meisterschaft. Vom Café de cante wanderte der Flamenco seit etwa 1910 auf die Theaterbühne. Dort bediente man sich jedenfalls mancher seiner Elemente. Der Flamenco verlor an Würde und Stil. Zu Beginn der zwanziger Jahre versuchte Federico Darcia Lorca und Manuel de Falla den echten Flamenco zu rehabilitieren. ECHTER FLAMENCO? Viele winken heute ab. Den gäbe es nicht mehr! Alles sei kommerzialisiert oder aber für Fremde nicht zugänglich. Tatsache ist, dass der Flamenco in den letzten Jahrzehnten eine faszinierende Renaissance erlebte und weltweit Beachtung erfuhr. Es scheint nicht so zu sein, dass der Flamenco seine Inspiration und Kraft für immer verloren hätte. Bei vielen Vorführungen bekommt man nur noch die Reste einer ehrwürdigen Tradition zu Gesicht. Das gilt fast für die gesamte Mittelmeerküste. Aber manche tablaos, das sind einfache Bretterbühnen für Flamenco-Vorführungen, vor allem in den Hochburgen Sevilla, Jerez de la Frontera und Cádiz, zeigen Begnadete ihrer Zunft, deren Ausdrucksstärke jeden Vorbehalt hinwegfegt. Es gibt nicht den Flamenco, da eine Vielzahl verschiedener Stilformen existieren. Es gibt grosse und kleine, schnell und langsame, zumeist traurige, schmerzerfüllte, aber auch festliche, fröhliche Gesänge. Der Flamenco ist inzwischen eine Wissenschaft für sich. In Jerez de la Frontera wurde ein Lehrstuhl für flamencologia eingerichtet. Ein reiches Archiv und viele Kurse und Veranstaltungen zeugen von der Geschichte und anhaltenden Lebendigkeit dieser Musik.
Andalusische Küche
Das Essen hat für die Andalusier eine zentrale Bedeutung. In den Bars werden kleine Appetithäppchen angeboten, sogenannte tapas, die häufig aluch als grössere Portion ración zu erhalten sind. Hat man sich erst einmal an diese tapas gewöhnt, geniesst man den Tag mit lauter Zwischenmahlzeiten, durch die man einen Einblick in die Vielfalt und Qualität der andalusischen Küche bekommt. Denn von Tintenfisch über verschiedene Arten von tortilla, Würsten, Käse und Salaten, lernt man allerhand regionale Spezialitäten kennen. Sowohl die Zeiten, zu denen die Hauptmahlzeiten des Tages eingenommen werden, als auch ihr Charakter weichen von unseren Gewohnheiten ab. Ein Frühstück in unserem Sinne gibt es kaum. Man trinkt den Café in der Bar und isst eine einen Toast, die sogenannte tostada, oft mit Olivenöl oder Butter und Marmelade, oder einen süssen Kuchen. Bis zur ersten grossen Mahlzeit begnügt man sich mit Kleinigkeiten. Natürlich gibt es auch die Möglichkeit, am Vormittag den örtlichen Markt aufzusuchen, um sich mit frischen Nahrungsmittel zu versorgen. Frühestens um 13 Uhr, meistens aber später, öffnen die Restaurants. Die Andalusier gehen mittags erst ab etwa 14 Uhr Essen und leiten damit die siesta ein, eine mittägliche Ruhezeit, die bis gegen 17 Uhr dauert. Die kleinen Lebensmittelläden öffnen erst dann wieder, schliessen aber, auch samstags, teils sogar sonntags nicht vor 20 Uhr. Ab 21 Uhr erhält man in den Restaurants ein Abendessen. Die Andalusier speisen vielfach noch später. Nun gibt es keinen kleinen Nachtimbiss, sondern die Hauptmahlzeit des Tages. Man isst reichlich und mit Musse. Der Abend weckt die Lebensgeister noch einmal, vor allem in den Grossstädten. Die Familien verlassen das Haus mit den Kindern. Erst ab Mitternacht legt sich das Treiben. Hat man am späten Abend einen vollen Magen, kann man natürlich nicht gleich ins Bett gehen. Nach dem Essen müssen noch ein Brandy - una copa, getrunken werden. Dazu sucht man sich in der Regel eine Bar auf. Allerdings gibt es in Andalusien kaum so etwas wie die deutsche «Stammkneipe». Am Abend nur in einem Lokal gesessen zu haben ist zumindest befremdlich, denn man liebt den Wechsel. Will man das andalusische Essen geniessen, darf man keine Scheu vor Knoblauch haben, das aus der Küche der Region nicht wegzudenken ist. Typisch ist alles was mit Sherry zubereitet wird: Nieren, Lende, Hähnchen usw. In den Bergen von Cazorla bekommt man carne al monte, das ist Bergfleisch in einer Mandelsauce. Das Fleisch kann von der Bergziege oder vom Hirsch stammen. Im gebirgigen Andalusien gibt es viele wilde Forellen. Auch sie werden mit Mandeln zubereitet. Ein verbreitetes Fleischgericht ist Hauskaninchen mit Thymian oder einer Weissweinsauce. Das Nationalgericht von Spanien ist die Paella. Vor allen die Region um Valencia ist berühmt dafür, hier kommt das Rezept für die "Paella Valenciana" her. Neben dem Paellareis gehören kleingehacktes Kaninchen-, Schweine- oder Hühnerfleisch zum Gericht. Als Gemüse werden rote Paprika in Streifen geschnitten, sowie grüne Bohnen dazu gegeben und die "Garafones". Das sind grosse, flache Bohnenkerne, die in der spanischen Küche nur für die Paella verwendet werden. Das Fleisch wird mit gutem Olivenöl angebraten, zusammen mit dem Gemüse und den Tomaten zubereitet. Knoblauch je nach Geschmack und Safran geben der Paela ihre typische gelbe Färbung und den aussergewöhnlichen Geschmack. Alles zusammen lässt man mit einem kleinen Rosmarinzweig köcheln.Um eine Paella traditionell zuzubereiten, sollten die Zutaten in einer grossen Paellapfanne auf Holzfeuer gekocht werden. Da Paella recht gehaltvoll ist, sollte sie nicht zum Abendessen verzehrt werden, sondern lieber zur "Comido" Mittagszeit. Im Frühjahr steht in Granada eine Abart der sogenannten Saubohnen auf dem Speisezettel, die in den Dörfern der Sierra Nevada wachsen und jung geerntet werden. Sie sind zart und mild, mit luftgetrockneten Schinken kurz gedünstet, ergeben sie eine köstliche habas con jamón. In der kühleren Jahreszeit ist der cocido, ein Kichererbsentopf, der im Unterschied zum Madrider-cocido kein Weisskohl zugegeben wird, überaus beliebt. Den charakteristischen würzigen Geschmack erhält der gehaltvolle Eintopf durch den mitgekochten Schinkenknochen, die rote Paprikawurst und die schwarze Blutwurst. Beide Wurstarten sind in Andalusien verbreitet. Gern isst man sie in Wein gesotten. Die andalusische morcilla ist mit Pinienkernen gefüllt und hat sehr viel weniger Fett als ihre Madrider Schwester. Überhaupt ist Essen in Andalusien zumeist, den warmen Temperaturen angemessen, leicht und gut bekömmlich.Ein klassisches andalusisches Gericht, einfach und in der heissen Jahreszeit köstlich erfrischend, ist der gazpacho, ursprünglich eine Landarbeitersuppe. Heute führt jedes andalusische Restaurant, das etwas auf sich hält, gazpacho auf der Speisekarte. Diese Gemüsesuppe besteht aus pürierten Tomaten und Gurken, Knoblauch und Paprikaschoten, Salz und Olivenöl und wird kalt serviert. Je nach Geschmack reichert man sie zusätzlich mit kleingeschnittenen Zwiebeln, Paprikaschoten, Tomaten und Brotwürfeln an. Als Aperitif trinkt man einen trockenen Sherry, zum Essen natürlich Wein, aber auch spanisches Bier, das kühl getrunken wird. Wo immer es möglich ist, sollte man zumo de naranja, bestellen, frischgepressten Orangensaft.
Weinland Andalusien
Klima, kalkiger Boden und jahrhundert alte Winzererfahrung fügen sich zusammen, um die unvergleichlichen Weine von Jerez zu gewinnen. Zu Jerez und damit zum Sherry gehören auch die Weinorte Chiclana, Chipiona, Puerto Real, Rota und Trebujana. Im geografischen Dreieck zwischen Jerez, Puerto de Santa Maria und Sanlúcar de Barrameda befindet sich das Hauptanbaugebiet für die berühmten finos - die trockenen hellen Sherry Weine. Während der Gärung entsteht auf der Oberfläche des Weines durch bakterielle Hefezüchtung ein natürlicher Film oder eine Blume. Manche finos nehmen, ohne dass man eine Erklärung dafür wüsste, während der Gärung Farbe an und reifen zum Vino amontillado heran, einer weiteren Spezialität der Jerezaner Winzerkunst. Die manzanillas aus Sanlúcar de Barrameda gehören zu der Familie der finos. Die charakteristische besondere Note wird ihm während der Gärung durch die Meeresluft verliehen. Der Sherry aus der Gegend um Jerez ist natürlich der berühmteste Wein Südspaniens, aber das Weinland Andalusien hat noch andere Besonderheiten zu bieten. Manche Weine zählen nicht nur innerhalb Spaniens zu den Spitzenprodukten, sondern gelten im weltweiten Massstab als herausragend. Dazu gehören vor allem Likörweine aus Jerez, Málaga, Huelva und Montilla-Moriles, sowie der berühmte überall in Spanien getrunkene Brandy, über dessen Qualität in Jerez ein eigenes Prüfungskartell wacht. Fast die Hälfte der spanischen Branntweine und Liköre stammt aus Andalusien. Die Ausdehnung der Weinbaugebiete ist verhältnismässig gering. Der Reisende wird in Andalusien endlosen Landschaften mit Olivenbäume, aber kaum Weinreben dominierten Landschaftsbildern begegnen. Dennoch nimmt Andalusien in der Produktion gleich hinter dem riesigen Anbaugebiet von Kastilien-La-Mancha die zweite Stelle ein. Weniger bekannt dagegen sind die Weine aus Huelva. Hier werden ebenfalls hervorragende Süssweine, Condago viejo und wohlschmeckende trockene Weissweine produziert, die die beste Begleitung zu Fisch und Meeresfrüchten bilden. Auf dem Weg nach El Rocio und in den Nationalpark La Doñana sowie entlang des Rio Tinto gibt es eine Reihe von Bodegas, die zugleich auch als Bar funktionieren. Die Einheimischen sitzen dort bei Wurst, Oliven und Brot neben riesigen Fässern auf Hockern und erfreuen sich ihres landeseigenen Weines. Ein spritziger, vor allem zu Fischgerichten passender leichter Weisswein stammt aus Arcos de la Frontera. Málaga ist zwar eine insgesamt kleine, aber bedeutende Anbauregion, der von hier stammende süsse und samtweiche Wein wird seit der Antike als Heil- und Genussmittel gerühmt. Auf kleinen, in der gesamten Region Málaga verstreuten Rebflächen reifen vor allem Moscatel- und Predro Ximenez-Trauben. Den Weinstock der Piedro Ximenez-Traube soll ein Soldat Karls V. aus dem Rheinland mitgebracht haben. Aus Peter Siemens wurde Pedro Ximenez. Der Setzling aus deutschen Landen bildet übrigens nicht nur die Grundlage des Süssweins Málagas, sondern ist auch Bestandteil der verschiedenen Sherry-Sorten, ausschliesslich des trockenen fino. Abgelegen, ehemals berühmt und heute kaum noch bekannt ist das Weinbaugebiet nördlich von Córdoba in der Sierra Morena um Espiel und Villaviciosa de Córdoba. Das Produkt ist ein leichter und milder Wein, vergleichbar dem aus der Mancha-Gegend in Kastilien: dasselbe gilt für die Weine aus der Provinz Jaén. Ein begehrter, kaum im Handel und hauptsächlich in den regionalen Restaurants erhältlicher Rotwein kommt aus der schroffen Sierra de Contraviesa, zwischen der Sierra Nevada und der Mittelmeerküste in der Region Granada gelegen. Weinorte, deren Namen an ihren arabischen Ursprung erinnern, sind Albondon, Jorairáter und Turon.
Kunsthandwerk
Auch beim andalusischen Kunsthandwerk haben die arabischen Lehrmeister ihre Spuren hinterlassen. Keramik, Holzarbeiten, Silberschmuck, Teppiche sowie Stoff- und Lederarbeiten sind hier an erster Stelle zu nennen. Möbelherstellung, Gitarrenbau und Schmiedeeisenkunst haben gleichfalls eine lange Tradition.Einkaufsmöglichkeiten gibt es nahezu überall in den großen Städten. Wer sich für einzelne Zweige interessiert, kann sich an folgender Liste orientieren.
| Keramik und Töpferwaren |
Granada und
Umgebung, Sevilla (Stadtteil Triana) und Umgebung, Córdoba, Conil de la Frontera, Sanlúcar de Barrameda (Cádiz), Aracena (Huelva), Andújar (Jaén), Albox, Níjar (Almería) |
| Lederwaren | Ubrique, Prado del Rey (Cádiz), Stiefel: Valverde del Camino (Huelva), Schuhe: Montoro (Córdoba), Reitlederwaren: Jerez de la Frontera, Alcalá de los Gazules, Villamartin (Cádiz) |
|
Silber- schmuck |
Córdoba |
| Stoffe und Teppiche | Arcos de la Frontera (Cádiz), Moguer (Huleva), Sevilla, Antequera, Estepona (Málaga) |
|
Holzartikel und Möbel |
Granada (Intarsienarbeiten), Ronda (Málaga), Valverde del Camino, Galaroza, Zalamea la Real (Huelva) |
| Gitarren | Granada, Córdoba, Marmolejo (Jaén), Algodonales (Cádiz) |
|
Schmiede- waren |
Cortegana (Huelva), Arcos de la Frontera (Cádiz), Estepona (Málaga) |
| Sonstiges |
Fächer, Mantillen
und Steckkämme (Sevilla) Glasbläserei (Almería) Marmorbearbeitung (Jaén) |
Architektur
3000 Jahre Siedlungsgeschichte durch die vielen Völker haben ihre Spuren in
Andalusien hinterlassen. Seit der Besiedlung durch die Phönizier, Griechen
und Tartesser*, spätestens aber mit der Ankunft der Römer und der Araber
kommen auch deren Baustile ins Land. Vom architektonischen Erbe dieser Zeit
ist noch Vieles erhalten. Vom ehemaligen römischen Zentrum Itálica, beim
heutigen Dorf Santiponce (nahe Sevilla) gelegen, kann man heute noch Reste
sehen. Aus der Zeit der arabischen Vorherrschaft stammen einige der
herausragenden Prachtbauten in Córdoba (Mezquita), Granada (Alhambra) und
Sevilla (Alcázar und Giralda). Vor allem erinnert aber das Straßenlabyrinth
der alten Stadtkerne an die muslimische Zeit. Neben den religiösen Bauwerken
wie Moscheen betätigten sich die arabischen Baumeister vor allem beim
Wasser- und Wehranlagenbau. Nach dem Ende der arabischen Dominanz
entwickelte sich der von ihren Baumeistern beeinflusste Mudéjar-Stil, der
gotische bzw. später Renaissance-Elemente mit dem Almohadenstil verbindet.
Im 15. Jahrhundert entstand parallel dazu die große Katedrale von Sevilla,
bis heute das größte gotische Gotteshaus der Christenheit und die
drittgrößte Katedrale der Welt. Die Renaissance zeigt ihren Einfluss im
sogenannten Platereskenstil mit seiner verspielten Ornamentik. Ihm folgt der
Barockstil des 17. und 18. Jahrhunderts mit einem mehr dekorativen und
monumentalen Ausdruck. Im frühen 20. Jahrhundert entwickelt sich eine
Spielart des regionalen Historismus, der die älteren Baustile aufgreift und
verbindet. Hiervon zeugen z.B. einige der für die Ibero-amerikanische
Weltausstellung 1929 in Sevilla entstandene Bauwerke. Im Zusammenhang der
Weltausstellung EXPO (Sevilla 1992) entstand auch eine große Ansammlung
moderner Architektur.
Religiöse Traditionen
Unbestrittener Höhepunkt religiösen Lebens in Andalusien ist die
Karwoche, die Semana Santa. Die festlichen Prozessionen beginnen am
Palmsonntag und enden am darauffolgenden Ostersonntag. Dutzende von
Bruderschaften mit jeweils mehreren Hundert sogenannten Nazarenos bewegen
sich auf einem festgelegten Weg durch die großen Städte. Im Mittelpunkt
stehen die Pasos, Darstellungen des Erlösers und der Jungfrau Maria auf
schweren hölzernen Gestellen, die von 36 bis 48 zumeist jüngeren Männern,
den Costaleros, oft stundenlang durch enge Gassen getragen werden.
Musikkapellen begleiten die Umzüge, von den Balkonen erklingen solistische
Darbietungen, die Saetas. Die bedeutensten Karwochen in Andalusien sind die
von Sevilla, Granada und Málaga. Aber auch auf den Dörfern lebt diese
Tradition. Im Mai kann man in vielen Stadtteilen die Maiumzüge "Cruces de
Mayo", eine Mischung aus weltlichen und christlichen Bräuchen bewundern
(besonders in Córdoba). Bedeutsam sind auch die farbenprächtigen
Prozessionen zu Fronleichnam (besonders in Granada). Volksfestcharakter
haben die vielen Wallfahrten, die in Andalusien eine lange Tradition haben.
Dennoch läßt sich eine religiöse Wurzel nicht verleugnen. Die größte
Wallfahrt der Christenheit findet jährlich um Pfingsten nach El Rocio
(Provinz Huelva) statt. Nahezu eine Million Menschen besuchen die
Wallfahrtskapelle am Rande des Naturschutzgebietes Doñana, viele von ihnen
kommen zu Fuß, mit Pferdewagen oder auf dem Pferd. Weitere große "Romerías"
führen nach Andújar (Jaén) Ende April zur Kapelle der Virgen de la Cabeza
und im Januar nach Almería zur Virgen del Mar.
Volksfeste
Die andalusischen Feste sind legendär. Vielfach vermischen sich dabei religiöse und weltliche Bräuche. Der Festkalender beginnt mit den Umzügen der Heiligen Drei Könige am Abend des 5. Januar und erfreut vor allem die Kinder. Der Karneval pulsiert in der Provinz Cádiz und dort vor allem in der Hauptstadt selbst. Zwischen Ende März und November werden in ganz Andalusien zahlreiche mehrtätige "Ferias" gefeiert. Zumeist aus regionalen Viehmärkten entstanden, sind sie heute bunte folkloristische Volksfeste, bei denen bis spät in die Nacht gesungen und getanzt wird. Dazu wirft man sich in Schale und wer es sich erlauben kann, kommt mit einer schicken Karosse oder auf dem Pferd.
Bekannte Ferias:
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April-Feria (Sevilla) |
2 Wochen nach Ostern |
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Pferde-Feria (Jerez de la Frontera) |
2. Woche im Mai |
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Mai-Feria (Córdoba) |
Mitte/Ende Mai |
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Manzanilla-Feria (Sanlúcar de Barrameda) |
Ende Mai |
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August-Feria (Málaga) |
3. Woche im August |
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Feria de Pedro Romero (Ronda) |
Anfang September |
In der ersten Maihälfte begeht Córdoba das Festival de los Patios (Innenhöfe), ein Wettbewerb um den schönsten Patio. In vielen Gemeinden wird Ende Juni das Fest der Sonnenwende (Noche de San Juan) gefeiert. Hinzu kommen die zahlreichen dörflichen und regionalen Patronatsfeste. Ein Anlaß zum Feiern können aber auch das Ende einer Weinlese, der Fischfangsaison usw. sein.